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Wer hat den Döner erfunden?

  • 17. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Die kurze Antwort heißt Kadir Nurman, Berlin, 1972. Die ganze Antwort beginnt rund hundert Jahre früher in der Türkei – und ist deutlich saftiger.


Kadir Nurman gilt als Erfinder des Döners im Fladenbrot. Der türkische Gastarbeiter verkaufte ihn 1972 am Berliner Bahnhof Zoo als Snack zum Mitnehmen und machte ihn so zum populärsten Fast Food Deutschlands. Den senkrechten Drehspieß selbst gab es da längst: Er stammt aus dem Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts. Der Döner ist deshalb beides – türkische Tradition und Berliner Erfindung.


Kaum eine Frage spaltet hungrige Gemüter so zuverlässig wie diese: Wer hat den Döner erfunden – und ist er nun türkisch oder deutsch? Die ehrliche Antwort ist, dass beide Lager recht haben. Um zu verstehen, warum, muss man zwei Dinge sauber trennen: das gegrillte Fleisch vom Drehspieß und den Döner im Brot, den man im Gehen isst. Das eine ist Jahrhunderte alt und kommt aus der Türkei. Das andere wurde in Berlin groß. Hier kommt die ganze Geschichte – von uns, die wir den Döner jeden Tag neu denken.


CONTENTS:

  1. Was bedeutet „Döner“ überhaupt?

  2. Die türkischen Wurzeln: vom Osmanischen Reich bis Bursa

  3. Der Döner im Brot: Berlin, 1972

  4. Ist der Döner nun türkisch oder deutsch?

  5. Döner, Gyros, İskender & Co. im Vergleich

  6. Der Döner heute: Zahlen, die hungrig machen

  7. Der EU-Döner-Streit 2024/2025

  8. Probier den Döner der nächsten Generation


Was bedeutet „Döner“ überhaupt?

Der Name verrät schon das Wichtigste. „Döner“ kommt vom türkischen Verb dönmek – sich drehen. Wörtlich heißt Döner also „er dreht sich“ und meint nichts anderes als das Fleisch am rotierenden Spieß. „Kebap“ stammt vom arabischen kebāb für gegrilltes Fleisch. Zusammengesetzt ist der Döner Kebap also schlicht „sich drehendes Grillfleisch“. Wer das weiß, hat den Kern der Sache schon verstanden: Im Mittelpunkt steht nicht das Brot, sondern der Spieß.


Die türkischen Wurzeln: vom Osmanischen Reich bis Bursa

Gegrilltes Fleisch am Spieß ist uralt. Spannend wird es, als jemand den Spieß aufrichtet – denn so tropft das Fett am Fleisch herunter und hält es saftig. Genau diese senkrechte Variante entsteht im 19. Jahrhundert in Anatolien und wird zur Mutter aller heutigen Drehspieß-Gerichte.


Vom türkischen Drehspieß stammen übrigens fast alle Verwandten ab: der arabische Schawarma, der griechische Gyros (dessen Name „drehen“ bedeutet – eine direkte Übersetzung von döner) und sogar der mexikanische Tacos al Pastor. Eine türkische Erfindung, die um die Welt gereist ist.


Der Döner im Brot: Berlin, 1972

So weit, so türkisch. Doch der Döner, den Deutschland liebt – Fleisch plus reichlich Salat, Tomate, Zwiebel, Kraut und cremige Soße, alles im Fladenbrot und in einer Hand zu halten – ist eine andere Erfindung. Und die geschah in Berlin.


Kadir Nurman und der Bahnhof Zoo

Kadir Nurman, geboren um 1933, kam 1960 aus der Türkei nach Deutschland und zog 1966 von Stuttgart nach West-Berlin. Ihm fiel auf, wie eilig die Großstadtmenschen aßen – im Stehen, unterwegs, mit einer Hand. 1972 eröffnete er einen kleinen Stand gegenüber dem Bahnhof Zoo und legte gegrilltes Spießfleisch mit Zwiebeln ins Fladenbrot. Sein Original war puristisch; Salat, Tomate und Soße kamen erst später dazu. Der Preis: 1,50 D-Mark. Patentieren ließ er seine Idee nie.


2011 ehrte ihn der Verein türkischer Dönerhersteller in Europa (ATDID) für sein Lebenswerk. Bemerkenswert: Nurman selbst beanspruchte den Titel nie für sich allein. Vielleicht, sagte er sinngemäß, habe es jemand anderes in einer stillen Ecke ebenfalls getan – bekannt geworden sei der Döner aber durch ihn. Diese Bescheidenheit ist Teil der Wahrheit. Kadir Nurman starb 2013 in Berlin.


Die anderen Anwärter: Aygün und Salim

Nurman ist die bekannteste Figur, aber nicht die einzige. Mehmet Aygün, später Gründer der Hasir-Gruppe, gibt an, schon 1971 in Kreuzberg Döner im Brot verkauft zu haben – Berichte stellen das früheste Datum allerdings infrage. Nevzat Salim wiederum soll bereits 1969 auf einem Straßenfest in Reutlingen Döner angeboten haben – die früheste Behauptung überhaupt. Der Historiker Eberhard Seidel-Pielen argumentiert sogar, der Döner im Brot sei wohl schon Ende der 1950er-Jahre in Istanbuler Imbissen serviert worden. Berlins Verdienst wäre demnach nicht die Erfindung, sondern die Popularisierung.


Wie der Döner berlinerisch wurde

Was den Berliner Döner unverwechselbar macht, ist die deutsche Handschrift: viel frisches Gemüse, Rot- und Weißkraut, Gurke, Tomate, Zwiebel und Soßen auf Joghurt- oder Knoblauchbasis. Selbst türkischsprachige Gäste bestellen in Berlin „mit scharf“ – ein kleiner Beweis dafür, wie deutsch-türkisch dieses Gericht geworden ist. 1996, während der BSE-Krise, kreierte Mustafa Demir den Hähnchen-Gemüse-Döner.


Ist der Döner nun türkisch oder deutsch?

Die einzig richtige Antwort: Er ist beides – und genau das ist seine Stärke. Der senkrechte Drehspieß und die Würztradition sind türkisch-osmanisch. Die Form als schnelles, vollgepacktes Straßenessen im Fladenbrot wurde in den 1970ern in Berlin geprägt. Der Döner ist damit das vielleicht erfolgreichste deutsch-türkische Gemeinschaftsprojekt überhaupt – ein Gericht, das Migration nicht nur erzählt, sondern schmeckt.


Döner, Gyros, İskender & Co. im Vergleich

„Alles vom Drehspieß“ heißt nicht „alles dasselbe“. Die wichtigsten Verwandten auf einen Blick:



Der Döner heute: Zahlen, die hungrig machen

Aus einer Imbissidee ist eine Industrie geworden. Die Schätzungen schwanken je nach Quelle und Definition, doch die Größenordnung ist klar beeindruckend:



Und beliebt ist er sowieso: In einer YouGov-Umfrage für die dpa von Ende 2022 nannten 45 Prozent der Befragten den Döner als liebstes Fast Food – vor der Currywurst mit 37 Prozent. Unter jungen Erwachsenen war der Vorsprung noch deutlicher.


Der EU-Döner-Streit 2024/2025

Wie sehr der Döner zum Politikum geworden ist, zeigte zuletzt ein europäischer Streit. 2024 beantragte ein türkischer Dachverband (Udofed) bei der EU, „Döner“ als garantiert traditionelle Spezialität schützen zu lassen – mit strengen Vorgaben zu Fleischart, Marinade und Schnitt. Das hätte typisch deutsche Varianten wie Kalbs-, Puten- oder vegetarischen Döner faktisch verboten.


Deutschland legte Widerspruch ein. Der damalige Landwirtschaftsminister Cem Özdemir brachte die deutsche Haltung auf den Punkt: „Der Döner gehört zu Deutschland.“ Nachdem ein Schlichtungsverfahren im März 2025 ohne Einigung endete, zog der türkische Verband seinen Antrag am 23. September 2025 zurück. Damit bleibt der Döner in der EU das, was ihn ausmacht: vielfältig. Von klassisch über Kalb und Hähnchen bis vegan ist weiterhin alles erlaubt – genau, wie wir es lieben.



Probier den Döner der nächsten Generation

Der Döner wurde in Berlin groß. Wir schreiben die Geschichte weiter – mit regionalem Freilandfleisch, täglich von Hand gesteckten Spießen und hausgemachten Soßen. Klassisch, als Dürüm oder als Tray.



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